Im Körper eines anderen

Written by sophiesollmann

Schönheit ist ein Thema, welchem vor allem heutzutage immenser Wert zugemessen wird. Niemals zuvor war es so „einfach“, sich mit anderen zu vergleichen.

Bereits bei meinem ersten Portraitshooting ist mir aufgefallen, wie sehr sich Menschen selbst kritisieren, wie sie Makel an sich entdecken, die für andere beinahe unsichtbar wirken (mehr zu diesem Thema hier). Ein für mich gelungenes Foto löst bei ihnen mehr Unsicherheit als Stolz aus. Mein letztes Shooting war für mich von ganz besonderem Wert, da ich durch die Sorgfalt, mit der ich die Bilder bearbeitet habe, wieder einmal gesehen habe, wie grundverschieden zwei Menschen sein können und doch jede für sich wunderschön ist.

Letztes Wochenende durfte ich wieder einmal meine zwei hübschen Mädchen Sarah (links) und Marie (rechts) vor der Linse haben. Am meisten genieße ich es, wenn ich beide gleichzeitig fotografiere, da sie nebeneinander einen so wundervollen Kontrast darstellen. Und genau darum geht es heute: Um die Einzigartigkeit zweier Menschen.

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Meine Schwester Marie ist ein heller Typ, mit ihrer blonden Mähne und den blitzblauen Augen, während Sarah sowohl dunkelbraune Haare als auch Augen hat. Beide haben eine wunderbare Figur, welche der anderen jedoch überhaupt nicht gleicht. Genau deshalb ist es für mich als Fotografin so spannend mit beiden gleichzeitig arbeiten zu können. Marie’s Haut und ihre Haare kommen am besten vor hellem Hintergrund zur Geltung. Ihre Akzente in Gesicht und Haaren und vor allem ihre hellen Strähnchen kommen somit noch mehr zum Vorschein – ich sage immer, sie sieht aus wie ein Engel.

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Bei Sarah dagegen setze ich mehr darauf, ihre dunklen Akzente zu betonen und ihre Sommersprossen zu erwischen. Anders als bei Marie sind außerdem die Augenbrauen viel dichter. Diese müssen beim Fotografieren zusätzlich berücksichtigt werden, da sie die Ecken und Kanten mehr hervorheben.

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Wie ihr sehen könnt, hat jede der beiden so viel Individualität und Besonderheit. Das sehen jedoch meist nur Außenstehende. Während die eine wie die andere sein möchte, möchte die andere wie die eine sein. Und was wäre, wenn beide miteinander tauschen und in den anderen Körper schlüpfen können?

Ich bin mir sicher, dass dies das Problem nur für einen begrenzten Zeitraum lösen würde. Denn beide würden herausfinden, dass jede Person mit sich zu kämpfen hat und das alte Ich eigentlich doch ganz schön ist, denn es ist nun mal das „Ich“.

Auch ich stelle mir oft vor, anders gebaut zu sein, andere Gesichtszüge und lockige Haare zu haben. Doch dieses Gedankenexperiment zeigt auch mir, dass ich wahrscheinlich die guten Seiten, jene die ich mag, vermissen würde. Unser Körper und unser Aussehen sind etwas so Intimes, denn seit Anfang an begleiten sie uns, formen uns und entwickeln sich. Niemand kennt sie so gut wie wir es tun. Und ist genau das nicht das Schöne?

Wir wissen genau mit unserem Körper umzugehen, kennen jede Schwäche und jede Stärke an ihm. Und je älter wir werden, desto mehr fangen wir an, uns zu akzeptieren – aber dies braucht Zeit. Und stellt euch vor, ihr wärt auf einmal jemand anderes. Ihr würdet diese Veränderung nicht einfach so hinnehmen und glücklich darüber sein, nein. Ihr würdet genau wie ein Mensch bei seiner Geburt anfangen, mit eurem Körper vertraut zu werden, lernen, mit ihm umzugehen. Und jeden Tag, wird euch etwas Neues auffallen. Wir denken immer, mit einem anderen Aussehen wären all unsere Probleme gelöst. Doch wir vergessen immer, dass dahinter viel mehr steckt. Die Vertrautheit mit der wir mit unserem Körper umgehen ist etwas, was wir lange aufgebaut haben. Die Natur und auch wir selbst haben unseren Körper selbst erschaffen und zu dem geformt, was er heute ist. Und darauf können wir stolz sein. Lasst euch genau diese Vertrautheit und Einzigartigkeit von euch selbst nicht wegnehmen. Konzentriert euch vielmehr auf euch selbst, als auf andere.

Das was wir an uns als Schwäche betrachten sind immer Einzelheiten. Was wir dabei jedoch immer vergessen ist, dass uns andere als Ganzes sehen. Niemand sieht nur dein linkes Ohr, welches größer als das rechte ist, niemand sieht, dass deine Nase nicht so gerade ist, wie du sie gerne haben würdest und niemand sieht das, was du an dir als schlecht ansiehst. Wir existieren nicht in Teilen, sondern als ganzer Mensch, mit unseren Äußerlichkeiten, unserer Ausstrahlung, unserem Gang, unserer Art zu lachen und zu sprechen.

Ich sehe mir meine zwei Mädchen an und weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll. Denn ich sehe nicht einfach nur zwei junge Menschen, ich sehe jeden einzelnen Fleck, jede Wimper, jedes Haar. Und das ist das Schöne an der Fotografie – die Zeit, die man aufwendet, um sich mit den Einzelheiten und kleinsten Details von Dingen zu beschäftigen. Und ich wünschte, nicht nur ich als Fotografin würde diese Einzigartigkeit erkennen, sondern das Motiv selbst ebenso.

with love and happiness

sophie sollmann

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